Wenn ich Demokrat wäre…

1) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann wäre ich tolerant gegenüber jedem Unfug, den ein jeder (auch ich) ab und an von sich gibt. Ich wäre bei Weitem entspannter, weil ich weiß, dass jeder andere toleriert. Dass diese Toleranz nicht zur Dummheit einladen soll, dass muss den meisten Mitmenschen klar sein, denn als Demokrat fürchte ich mich vor der Dummheit einer Mehrheit mehr als von allen Minderheiten zusammen. Nur im ersten Fall kann Dummheit zur „Normalität“ werden.

2) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann würde ich meine Rechte und Pflichten und ihre argumentative Herkunft kennen. Nur das kann ein solides Verständnis dahingehend herbeiführen, warum im Allgemeinen und im Besonderen diese Rechte und Pflichten derart ausgestaltet sind. Nur dadurch kann mir deren Sinn bewusst werden und damit auch ein Gespür vorhanden sein, dass es mir erlaubt, Veränderungen selbstprüfend wahrzunehmen.

3) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann bin ich mir um der Bedeutung der Pluralität von Perspektiven, der Wichtigkeit von Kompromissen und dem Fundament freier Kommunikation bewusst. Wenn stattdessen nur eine singuläre Sichtweise, eine skrupellose Sturheit und eine einseitige Darstellung vorhanden ist, dann weiß ich, was ich davon halten soll. Und keine Autorität auf dem Planeten kann mir diesen Umstand geradebiegen, denn es ist eine Form der Alternativlosigkeit, die mit keiner Variante des Demokratischen gleichzeitig in einem Raum existent sein kann.

4) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann weiß ich, was „Repräsentation“ bedeutet. Vor allem bin ich mir dessen, bewusst, wer wen zu „repräsentieren“ hat. Mehrere gewählte „Repräsentanten“ üben ihre Funktion im Sinne der zu „Repräsentierenden“ aus und niemals sollte ein ganzes Volk eine Agenda von einer Handvoll medialen Schaustellern und deren Vorhaben zu „repräsentieren“ haben und dabei noch offen diskriminiert werden, wenn sie ihrer „Repräsentation“ nicht nachkommen. Ein Volk präsentiert sich, lässt sich „repräsentieren“, aber repräsentiert niemals sich selbst! Das wäre der Inbegriff der Gleichschaltung.

5) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann lebe ich in einer Gesellschaft, in der niemand seine Regierung fürchten muss. Auch die „Repräsentanten“ haben nichts zu befürchten, wenn sie denn authentisch repräsentieren würden…

6) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann würde ich wissen, wie wichtig ein stabiler gesellschaftlicher Diskurs ist. Das Gegenteil ist der gesamte Zusammenbruch der Gesellschaft. Viele Wege führen in diesen Abgrund, das weiß ein Demokrat, denn er muss dafür sensibilisiert sein, wie sich ein gesellschaftlicher Diskurs destabilisieren lässt. Wie soll er ihn sonst schützen? Unsere Mitmenschen sind eine Gemeinschaft, wie auch alle Kulturen auf dieser Welt Gemeinschaften bilden. Gefährlich wird es, wenn Kräfte erfolgreich auf eine Gemeinschaft spaltend wirken. Mannigfaltig sind die destruktiven Zugänge, aber es gibt nur einen Grund: Die Verallgemeinerung eines einseitigen Interesses – oder mehrerer zugleich. Und ein Demokrat weiß um dieses Moment, denn es hat seit jeher alle erfolglosen Demokratien in Tyranneien verwandelt. So lernt ein Demokrat aus seiner eigenen Geschichte.

7) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann wüsste ich wie ein Konsens entsteht. Und wenn der Konsens und der gesellschaftliche Diskurs einander hadern, dann sind Interessen im Spiel. Denn ein Volk bedarf der Stabilität eines Diskurses, aber nur aus sich selbst heraus. Keine Autorität kann dies langfristig bewerkstelligen, ohne auch der Bevölkerung durch Entmündigung Schaden zuzufügen. Egal wie weich sich ein Interesse durchsetzt und wieviel Salamitaktik im Spiel ist. So gilt es, stets auf die Autoritäten genau zu achten, wenn der gesellschaftliche Diskurs merklich ins Wanken gerät.

8) Wenn ich Demokrat wäre, …

Dann würde ich die Spitzbuben daran erkennen, wenn sie mir etwas als die Wahrheit verkaufen, die ich glauben soll. Wie heißt es so schön: Glaube niemals jemanden, der aus Deinem Glauben einen Nutzen ziehen kann. Und wenn auf eine Not Kontrolle folgt, dann ist die Demokratie bereits verloren, denn die Wahrheit ist dann nicht mehr als ein zerbrochener Spiegel gegenseitig ausschließender Widersprüche. Mit der zerbrochenen Wahrheit geht stets ein keckes Schimmern unüberschaubarer Lügen einher, die heute sogar von Augenblick zu Augenblick sich wandeln können. Ein Interesse hat sich nun erfolgreich verallgemeinert. Und wir werden alle gezwungen mitzumarschieren… sonst kommt der Staat zu Dir!

9) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann weiß ich, dass Menschen keine Dinge sein können. Ich achte den Menschen als Individuum und damit seine Würde, die auch mir, mit meiner Geburt, zuteil geworden ist. Wir gemeinsam erheben uns über unsere Instinkte, registrieren unsere Herkunft, finden uns im Geiste und gestalten unsere Zukunft gemeinsam, in dem Wissen, dass wir ohne diese erfüllten Bedingungen keine Zukunft als freie Individuen haben werden.

10) Wenn ich Demokrat wäre, …

dann weiß ich, dass ein entfaltetes Individuum der Grundstein einer sich entfaltenden Gesellschaft sein muss. So etwas gab es noch nie. Die Bedeutung von Autonomie und Willensfreiheit sind genauso wichtig, wie die körperliche Unversehrtheit und die Abwesenheit seelischer Traumata. Die Brücke zu diesen Punkten liegt zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft – und beide tragen hierfür Verantwortung und sind gleichzeitig aus Glas… Achtsamkeit.


Die meisten Punkte in diesem Text haben nicht die Eliten oder unsere Politiker verbockt, schließlich sind sie keine Heilsfiguren (nicht in einer Demokratie!), sondern die Gesellschaften, die keine Gemeinschaften zuvor waren und sich haben spalten lassen. Dies konnte gelingen, weil die Menschen nur glaubten, sie wären Demokraten… dazu bedarf es allerdings auch einer Haltung. Von meiner habe ich in zehn Punkten berichtet, diese machen für mich sowohl einen Demokraten als auch eine Demokratie aus.


Konfuzius sagt: „Der Weg ist das Ziel.


Anders: Wenn wir die angestammten Beschränkungen

stets in unserem Gepäck mitführen,

was wird uns am Ende der Reise erwarten?

Euer Paul

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