Vom Individualismus als Lösung…

… kollektiver Probleme. Ich möchte sagen, dass dieses Motiv für mich ein Lebensmotto darstellt und keineswegs 1943, hier Ayn Rand und ihre Novelle The Fountainhead das Thema angesprochen und beendet hat. Aus der deutsch synchronisierten Verfilmung Ein Mann wie Sprengstoff von 1949 erhielt ich leider nur diese knappe Rede, aber die hat es in sich und ist heute mindestens so aktuell wie damals.

Der nächste Beitrag beginnt mit einem Video und jeder sollte sich die folgenden knappen sechs Minuten so gut und intensiv verinnerlichen wie nur irgend möglich, denn sie betreffen eine der problematischen Grundkonstellationen unserer Spezies: Individuum vs. Kollektiv.

Ich lade Euch herzlich ein, Euch 5 Minuten und 21 Sekunden Eurer Zeit dieser Rede zu widmen. Es ist gut investierte Zeit – versprochen – auch für ein zweites Mal. Jeder Satz hat es in sich und gewichtet in der filmischen Gerichtsszene die Position des Angeklagten und seiner Kläger im Besonderen und überaus zeitlose anthropologische Übertragungen im Allgemeinen. Hier leitet das Individuum in der Rolle des Angeklagten die Beweggründe aus seiner eigenen Weltsicht ab, die, so der letzte Satz der Szene, in dem Recht liegen, in der Gesellschaft Individuum sein zu dürfen. Spannend.

Am liebsten würde ich die gesamte Szene hier schriftlich abbilden und dann Satz für Satz die Rede zerlegen. Wenn ich die Zeit dafür finde, mache ich das vielleicht auch noch. Aber zunächst möchte ich hier einige Stichpunkte ansprechen, die sich mit dem eigenen Vorhaben decken. Zum Beispiel springt mir sinngemäß die Aussage ins Auge, es gäbe keinen Gruppenverstand. Ich übersetze mir diesen Ausdruck mit Gruppenvernunft, da ich Verstand und Vernunft getrennt sehen möchte. Potentialiter sind wir als Individuen zur Vernunft fähig, realiter gebrauchen wir unseren Verstand jeden Tag. Reue, Einsicht, „schöpferischer Verstand“ im Sinne des Angeklagten und eben Vernunft etc. sind hingegen keine Gruppenphänomene. Gegenseitige Interessenabwägungen sind bestenfalls lediglich Verstandesoperationen. So das erste Einhaken meinerseits. Wer die anderen Beiträge auf der Seite kennt, weiß warum ich diesen Punkt extra betone.

Der Redner, der Schauspieler ist niemand Geringeres als Gary Cooper, deklariert klar und offen „seinen“ Teil der Abmachung, die von der anderen Seite, aus seiner Sicht, nicht eingehalten wurde. Die so entstandene Situation beschreibt er selbst als aussichtslos. Ohnmacht. So kündigt er seinerseits den „Vertrag“ mithilfe der letzten Waffe, der er noch habhaft werden konnte: Die Zerstörung des zuvor von ihm Geschaffenen.

Das Menschen andere zum Mittel ihrer eigenen Zwecke machen, ist ja auch heute nicht ganz so neu. Aber hier verteidigt sich der Angeklagte mit der Aussage, er sei nicht „bezahlt“ worden. Die Bezahlung bestünde darin, die Kreativarbeit auch als solche vollenden zu dürfen, was nicht geschah. Eine formelle Forderung, die sich ungewohnt nicht in Geld ausdrücken lässt.

Mit einer „Vision, als einziges Rüstzeug“ hat sich auch der visionäre Angeklagte „schöpferisch“ einer Aufgabe gewidmet, um etwas beizutragen, was schlussendlich genuin als sein eigener Ausdruck in die Welt gelangen sollte. So auch die Zusicherungen der anderen Seite. Der tiefverwurzelte Wunsch, Spuren zu hinterlassen und etwas beigetragen zu haben, ist nicht nur einigen Philantropen Eigen, sondern uns allen, auch wenn viele Mitmenschen es vergessen zu haben scheinen.

Dieser Anspruch eines Einzelnen ist sowohl im Film als auch in der heutigen Gegenwart so untypisch, so unzeitgemäß, dass es wohl heute eher grotesk anmutet. Aber dennoch: Hier zeigt ein Einzelner seine Haltung, deklariert seine Beweggründe und steht vollends zu seinen Vorhaben und Taten – denn er hat aus einem für ihn gültigen Recht gehandelt! Und genau darauf baut seine Verteidigung. Das höchste und bewahrenswerteste Gut sei für das Individuum sein Selbstwertgefühl und die höchste Tugend seine Selbstachtung. Und es sind die „Kollektivisten“, die dieses Gut und diese Tugend mit der Devise Angriffen aussetzen, der Einzelne sei nichts wert.

Bei einem größerem Teil der Gesellschaft scheint es mir seit zwei Jahren so zu sein, dass es auf einen individuellen Anspruch überhaupt nicht mehr ankommt. Unabhängig der Themeninhalte und noch nicht einmal um der eigenen Kinder Willen scheint eine Inanspruchnahme eines eigenen Rechtsverständnisses noch eine Rolle zu spielen. Und dies innerhalb einer Demokratie und eines Rechtsstaates! Verrückt. Die Wahrung der Demokratie und der allgemein festgelegten rechtsstaatlichen Verhältnisse sind ja schließlich nicht nur Recht, sondern umfassen auch Pflichten. Noch schlimmer: Es scheint, das Individuum, das eine eigene Rechtsvorstellung besitzt um unabhängig, eigenständig und freiwillig handeln und etwas „Besonderes“ beitragen zu können, überhaupt kaum noch zu geben!

Zurück zur Rede: Diese bestehende Vereinbarung zwischen den Parteien hatte man dem Kläger schlussendlich verweigert und sein Werk verkehrt.

Der Frust kann nur denjenigen selbstverständlich sein, die sich ein eigenes Projekt von Herzen geschaffen haben, etwas beitragen und Lücken schließen zu wollen, da, wo es nach der eigenen Wahrnehmung nach fehlt und sich eben nicht andienen möchten. Leider definierte sich allerdings bereits die damalige Gesellschaft organisatorisch im Zuge des Kapitalismus (wohl aber auch der Sozialismus bzw. Kommunismus kein Deut weniger). Es ist wahrlich ein altes Spiel zwischen Individuum und Kollektiv. Bereits die griechische (Stichwort: Antigone) und römische Antike zeigen als Epochen in dieser Frage ihren Charakter, wie alle anderen Epochen auch. Nur aufgelöst wurde dieses Gegeneinander eben nie.

In seinem speziellen Fall wehrt der Angeklagte sich vor Instrumentalisierung, aber eigentlich geht es um Instrumentalisierung an sich. Der Redner möchte den schöpferischen Menschen vom Parasiten klar getrennt wissen. Die Beschränkungen, die den schöpferischen Individuen mit dem Vorwand auferlegt werden, es würde nicht passen, bestimmten Ansprüchen nicht genügen oder gar falsch sein, erinnern an das zunächst Verlachte, dann Bekämpfte und schlussendlich das als „normal“ Akzeptierte.

Das Leitmotiv, welches bereits zu Anfang der „Verteidigungsrede“ ihren Ausdruck findet, ist ganz einfach: Die Einschränkung der individuellen Schöpfungskraft des Menschen darf nicht eingeschränkt werden, da nur sie es vermag, das Menschengeschlecht weiterzubringen. Die Parasiten haben hierbei nichts beizutragen. Sie „plündern“ und „imitieren“ bestenfalls und verstricken sich in ihren Machtgeflechten, in denen Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Freiwilligkeit für Individuen keinen Platz finden.

Das schöpferische Individuum braucht das Kollektiv aber gar nicht. Es lebt aus der „eigenen Integrität“ heraus und straft damit die „Kollektivisten“ Lügen, die behaupten, ohne sie kann es gar nicht gehen, ansonsten würde die chaotische Anarchie ausbrechen und wüten. Und genau hier widerspricht das angeklagte Individuum dem Kollektiv: Wo wäre der „Ruhm der Welt“, wenn ihn nicht Menschen mehren würden, die ihr Leben für sich leben dürften? Der Mensch muss selbstständig denken, um für sich zu leben und gegenüber der Welt etwas „leisten“ zu können.

Nur dann, kann er auch Mensch sein.

Die „schöpferische“ Kraft kann weder einem Zwang unterliegen, noch „aufgeopfert“ werden (2:04). Was für eine starke Aussage. Und sie wird als Kritik sogar wiederholt: „Das ist mir wichtig. Die Welt geht an einer Orgie von Selbstaufopferung zugrunde.“ (5:14) Ja, so ist es und um die Einschränkung und Aufopferung der schöpferischen Kraft ging es seither stets und somit auch heute. Da wird geglaubt und manche Mitmenschen nach allen Regeln der Kunst zu Autoritäten erklärt und die Masse akzeptiert die Regelveränderungen und -brüche wie selbstverständlich. Es sind nicht die „Durchbrüche“ verallgemeinerter Interessen der Eliten, die uns immer wieder zurückwerfen, sondern die emotionslose Hinnahme der Massen. Passive Zustimmung als Weg in die Katastrophe und auf die Wichtigkeit der Passivität wird schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert durch Gary Cooper hingewiesen. Denn noch pointierter wird gar noch der uns aktuell beworbene Transhumanismus schon damals angesprochen: „Jede Greueltat und jede Zerstörung entstammt dem Bemühen, den Menschen mit Gewalt in eine Herde seelenloser Roboter zu verwandeln. Ohne persönliche Rechte, ohne persönliche Wünsche, Willen, Hoffnungen oder Würde.“ (3:02) Chapeau!

So ist es. Und zurzeit bemühen wir uns darin, dass nächste digitale Kapitel global solidarisch und allgemeinwohlorientiert aufzuschlagen, wo wir nichts mehr besitzen werden (einschließlich unserer Individualität und persönlichen Rechte) und wir, nach einem gewissen Schwab, glücklich sein werden – aber nicht als Schöpfer, sondern nur noch als Werkzeug oder als (vielleicht sogar überflüssige) Ressource für jemand anderen. Und weil das Individuum schon sich selbst nicht mehr Eigentum ist, so ist seine körperliche Unversehrtheit nicht mehr allgemeines, wie auch persönliches Recht mehr, sondern Teil des kollektiven Selbstverständnisses und Hebel unserer „Kollektivisten“ – und schlussendlich treiben sie uns alle in Lebensverhältnisse, die wir uns eigentlich nicht einmal gedanklich zumuten wollen – vom Anstreben ganz zu schweigen. Aber geschwiegen wird. Es sei daran erinnert: Noch kein Jahrzehnt liegt zwischen Gary Coopers Rede und Chaplins Der große Dikator (1940).

Meine Prognose: Spritze, Krieg, Crash, Enteignung und Armut plus totaler Kontrolle. Die Mixtur ist noch (fast) frei wählbar und es kommt ohnehin alles und ein Schritt zurück oder gar Austritt ist nicht vorgesehen. Tja Masse, das war’s.

Aber hey, das war doch (fast) schon 1949 abzusehen und da herrschte zwischen den Völkern gerademal ein wenig Friede. Da konnte man sich auch mal Reflektionen über die Gesellschaft hingeben. 1976 erklärte die Kunstfigur Howard Beal als Fernsehprediger und tragischer Held des Films Network, dass das Individuum am Ende sei: „Jeder einzelne von Euch ist am Ende, weil diese Nation keine Gesellschaft unabhängiger Individuen mehr ist.“ Und er stellt offen die Frage: Ist Entmenschlichung eine derart schlimmes Wort? (Gerademal vierzig Jahre nach Chaplins Moderne Zeiten.)

Diese Frage gebe ich gern an Euch weiter.

Euer Paul

p.s. Drei Abschnitte von Howard Beal, darunter auch der genannte, habe in die Mediathek gestellt. Viel Freude damit!

 

 

 

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