Der Mann auf dem Dach

Ich betrete das Flachdach eines Hochhauses und sehe einen sportlichen Mann im mittleren Alter auf dem Dachrand. Er schaut prüfend in die Tiefe und schien sich nicht vor den wenigen sicheren Zentimetern zwischen ihm und dem Abgrund verunsichern zu lassen. Vorsichtig nähere ich mich dem Fremden und grüße ihn.

„Hallo, ist bei Ihnen alles in Ordnung?“

„Bitte gehen Sie! Lassen Sie mich allein.“
(Ohne mich eines Blickes zu würdigen.)

„Denken Sie daran, gleich zu springen?“

„Verpiss Dich!“
(Schon leicht schärfer…)

„Ich dachte, ich frage mal. Würden Sie wirklich springen und ich hätte nicht gefragt, dann würde ich mir Vorwürfe machen. Viel Erfolg!“

Ich drehe mich um und setze zum Weggehen an, da hake ich nach: „Halten Sie die Absicht, zu springen, für vernünftig?“

„Wollen Sie mir jetzt mit Moral kommen? Selbstmord ist unmoralisch oder so was? In dieser Welt? — Dann möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass mir eine Anzeige wegen Körpervertzung nach dem Sprung relativ egal sein kann.“
(Er schaut mich grimmig an.)

Ich hebe schützend die Hände: „Gott bewahre, dass ich sie aus moralischen Gründen vom Sprung abhalten möchte. Ich bin Atheist.“ Ich zwinkere. Er reagiert nicht darauf und wirkt leicht ungeduldig.

„Ist der Sprung wirklich vernünftig?“, wiederhole ich.

„WAS?“, schreit er, „WAS GEHT SIE DAS AN!“
(Sein Kopf ist hochrot. Er fasst sich leicht…)

„Seit Corona ist meine Karriere am Ende und ich bin pleite. Meine Frau hat sich scheiden lassen. Mein Sohn hält mich für einen Verrückten. Der Scheidungsprozess war für mich gelaufen, als ich als Querdenker bezeichnet wurde. Die sonstige Familie ist überzeugt und staatsgläubig. Alle Freunde haben mir den Rücken gekehrt. Ich habe nichts mehr zu verlieren und bin allein.“

„Also Sie fühlen sich mit Ihrer kritischen Haltung gescheitert und überflüssig. Verstehe ich Sie richtig?“

„Bin ich das nicht? Bin ich nicht überflüssig? Ich habe alles verloren. Was kann ich jetzt noch machen? Es ist vorbei…“
(Sein Ausdruck erhält lethargische Züge, dann schaut er ausdrucklos in die Ferne.)

„Nun, Ihre Sichtweise und Erwartungen kenne ich nicht. Aber für die da oben sind Sie nützlich, überflüssig oder gefährlich. Sind Sie sicher, dass Ihnen nur noch „überflüssig“ als Option bleibt?“

„Was meinen Sie?“

„Nun, sind Sie nicht ein kritischer Mensch und werden Sie dafür nicht verachtet und bestraft?“

„Das bin ich und das werde ich.“
(Er tritt nachdenklich einen Schritt vom Rand zurück und dreht sich in meine Richtung.)

„Wenn Sie schon alle diese schlimmen Erfahrungen gemacht haben, dann hat das Konzept unserer Zeit offensichtlich bei Ihnen nicht funktioniert. War es Ihr Konzept? Wollten Sie ein Chef in einer Sklavengesellschaft sein? Waren das Ihre Vorstellungen von Anbeginn? — Dann springen Sie! Dann hat sich das System selbst lequidiert und ich habe kein Mitleid mit Ihnen. Aber wenn nicht und sie springen, dann werde ich gedanklich bedauern, dass wieder eine Chance zur Veränderung vertan wurde, noch bevor Sie aufschlagen werden.“

Er schaut mich mit geballter Faust böse an.

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, es ist im Allgemeinen ein Lernprozess. Wenn Menschen in einem System auf der Strecke bleiben, dann ist das System Mist. Würden Sie mir zustimmen?“

„Zu einem gewissen Grade schon. Und weiter?“

„Nun, wenn Menschen auf der Strecke bleiben, dann muss dieser Umstand auch an das System zurücksignalisiert werden. Wie soll das System denn sonst lernen? Systemisch betrachtet, können Sie jetzt springen. Aber dann waren Sie zunächst zu einem gewissen Grad nützlich und schlussendlich überflüssig. In beiden Fällen lernt das System nicht.“

„Aha, und wenn ich nicht springe und „gefährlich“ werde, dann würde das System lernen?“

„Wie soll es denn anders gehen? Oder hoffen Sie auf die Weitsicht derer, denen Ihre Sprungabsicht aus systemischen Gründen gänzlich egal ist? Denken Sie doch einmal nach: Wessen Erwartungen haben Sie genau nicht erfüllt? Waren es wirklich Ihre eigenen? War Ihre Frau wirklich die Richtige? Waren die Lebensbedingungen günstig, um richtige Entscheidungen zu treffen? Ich würde sagen nicht und Sie?“

„Nein, nicht wirklich.“

„Und Sie wollen dann allen Ernstes springen und uns die Möglichkeit nehmen aus Ihrer Situation zu lernen und anzuerkennen, dass das System Mist ist?“

„Wenn ich springe, wird man genau dies erkennen. Schließlich befinden sich ja hinter Ihrem System auch Menschen.“

„Da widerspreche ich. Wenn Sie springen, dann wird man vielleicht um Sie eine Weile trauern und mit der Zeit vergessen, aber lernen wird niemand etwas.
Wahrscheinlicher ist es, Ihnen Schwäche und Schuld allein zuzuschieben. Um die systemischen Opfer ging es noch nie über eine längere Zeit. Wenn uns die Opfer der Vergangenheit doch noch eine Lehre wären, dann würden wir heute nicht diesen Blödsinn machen. Was meinen Sie?“

„Und sie meinen, wenn ich mich gegen das System stelle, dann wäre dies vernünftig?“

„Ist nicht alles vernünftiger als überflüssig zu sein und sich damit abzufinden? — Jetzt mal aus der Perspektive des Systems betrachtet. Wenn hier eine Chance auf eine Lernkurve besteht, von der auch andere (vielleicht Ihre Kinder) profitieren, warum nicht? Ja, es ist vernünftig. Eigentlich sogar eine Pflicht. So ist es! Es ist Ihre Pflicht nicht zu springen, weil Sie etwas unerledigt gelassen haben. Sie haben dem System nicht klargemacht, dass es Mist ist, weil Sie diese Fülle an Schmerzen ertragen mussten.“

Der Mann hebt die Augenbrauen und schaut mich verdutzt an. Ich fahre fort:

„Es lag an Ihnen und jetzt liegt es immer noch an Ihnen und Sie wollen springen, weil Sie in dieser unmenschlichen Zeit Fehler gemacht haben? Ist die heutige Unmenschlichkeit nicht der eigentliche Fehler unserer Zeit? Wenn Sie heute nicht tätig werden, dann springt morgen der Nächste — und übermorgen. Wenn sich nichts ändert, springt Ihr Sohn eventuell ebenfalls, weil sein Vater auch schon sprang und nichts dadurch sich änderte. Sie sind wichtiger als Sie glauben. Von Ihnen geht eine Gefahr aus, weil Sie nichts zu verlieren haben, dann kann man Sie nämlich auch durch nichts erpressen, wie es die meisten Menschen werden. Und diese unbekannte Freiheit wollen Sie sich durch einen Sprung wirklich entziehen? Ich an Ihrer Stelle würde mir das gut überlegen. Nur Sie können das System ändern, denn Sie haben einen Grund. Aber nicht, wenn Sie springen. Schon einmal darüber nachgedacht, dass das System vielleicht will, dass Sie springen — um nicht gefährlich werden zu können?“

Der Mann schaut nachdenklich auf den Boden. Ich drehe mich um, verlasse das Dach und gehe das Treppenhaus hinunter. Vor dem Haus angekommen, blicke ich nach oben. Es ist kein Mann zu sehen. Ich gehe die Straße entlang. Sie ist belebt, und dennoch höre ich kein Geschrei oder Sirenen. Er hat es sich wohl anders überlegt. Es hat jemand etwas gelernt. So einfach. Und nun fehlen noch die anderen … und dann das System.

Euer Paul Vervé

 

p.s. Hey, tja, also … Jetzt ist das mit der Lernkurve des Systems so eine Sache und offene Enden regen vielleicht das Denkstübchen an, können aber auch frustrieren, weil die Frage im Raum verbleibt und erbarmungslos pocht:

Warum denn das System diese Dinge nicht schon längst gelernt hat?

Klugscheißen ohne einen eigenen Gedanken zur Lösung, möchte ich auch nicht.

Also ein alternatives Ende muss her! Los geht’s…

Das System lernt. Beide gehen runter. Gründen eine Gruppe namens „Korrektur der menschlichen Selbstorganisation“ (kurz: KdmS). Und deklarieren auf philosophisch-anthropologischer Basis Speziesregeln, die es global einzuhalten gilt. Die Hauptmotive sind Verantwortung und Nachhaltigkeit. Diese Regeln gelten natürlich auschließlich gegenüber den Eliten. Sollten Anwendungen ihrer Privilegien gegen diese Regeln verstoßen, werden dem verantwortlichen Familienzweig die Privilegien entzogen. Es beginnt mit einer Teilenteignung von 50%, die der „KdmS“ zugute kommt. Als Abschreckung. Und kein Privileg findet gegenüber diesen Regeln noch Geltung.

Ergo: Aus allen Einnahmen und Verlusten der Eliten steigt der Einfluss eines Kontrollgremiums, dass schlussendlich aus 1000 Philosophen besteht, die durch ihre Entscheidungen keinen Vorteil erhalten dürfen — die bisherige Quadratur des Kreises: ein „echt“ unabhängiges Gremium.

Das ist „neu“!

Die Philosophen leben von einer Pension und dürfen keine anderen Einnahmen erhalten, sonst Verlust des Postens und aller Ansprüche. (Na ja, wegen Bestechlichkeit usw.) Es müssen auch nicht unbedingt Philosophen sein. Ich kam darauf, weil es eben doch recht stark an Platons Philosophenherrschaft erinnern könnte. Aber die Lehre der letzten zwei Jahre:

Also die Quatschköppe vom Ethikrat sehe ich seit der C-Krise nicht mehr als geeignet an. Dies gilt auch für unsere Verfassungsrichter. Sorry. Sind Instanzen einmal erkennbar instrumentalisiert, dann sind sie es auch.

Es müssen lediglich Menschen sein, die von ihrer Aufgabe erfüllt sind.

Derartige Leute soll es ja geben.

Die Folgen des Ganzen:

Die Geschlechtergleichstellung hat sich vollzogen. Darauf wird die Populationsregulation innerhalb weniger Generationen weltweit eingeführt. Man legt zehn Milliarden Menschen fest. Es gibt kein privates Bankensystem mehr. Aufgrund der KI ist die Sprachbarriere gefallen. Dadurch beschleunigt sich die Kommunikation kulturübergreifend und es beginnt das weltweite Bewusstsein einer Menschheitsfamilie zu wachsen. Keine Kultur ist mehr der anderen fremd. Kriege sind nun barbarisch. Atomwaffen gibt es längst nicht mehr. Es entstehen stabile und nachhaltige Regelsysteme der Ökonomie. Es gibt keine Milliardäre mehr. Es gibt keine Armut mehr. Die Welt kann zehn Milliarden Menschen problemlos ernähren und Obdach geben, wenn die Menschen nur wissen, wie es geht. Demokratie braucht man nicht mehr, denn alle Individuen beteiligen sich am Diskurs, der uns alle verbindet. Es bedarf keiner Repräsentation mehr, denn jeder beteiligt sich an den Kontexten, die es gemeinsam zu klären gilt. Das stärkere Argument siegt – immer. Und es bedarf keiner elitären Privilegien mehr, um in das System einzugreifen, denn das System hat durch uns gelernt, sich selbst weiter zu entwickeln und ist in der Lage Stabilität (einmal eingeführt) zu „wahren“.

Das einzige Risiko könnten nur noch Eingriffe von privilegierten Eliten sein, und die gibt es nicht mehr, denn sie lösten sich zu Beginn dieses Prozesses „an“ oder „mit“ ihren Privilegien auf. Sie machten es möglich, in dem „Sie“ überflüssig wurden.

Das Resultat:

Jedes Kind wächst seinem Wesen gemäß unter besten Bedingungen auf, da jedes Kind, das dies tut, uns potentialiter am ehesten die Lösungen aller Probleme von morgen liefern kann.

Und so öffnet die Menschheit das nächste Kapitel ihres Potenzials, was dazu führt, dass der durchschnittliche Mensch durch kommunikative Beschleunigung und durch dauerhafte Stabilität in die Lage versetzt wird, 15% seines Gehirnes zu nutzen. Das alles führt wirklich zu einer neuen Ära, denn sie wird nicht von den Eliten propagiert. Das alles geht 1000 Jahre lang gut …

dann stürzt ein Meteorit auf die Erde und alle sind futsch.

 

Aber bis dahin war es eben schön und nicht leidvoll – wie bisher!

Wir kamen weiter und wären noch weiter gekommen, wenn nicht…

Aber der Mensch tat, was er konnte und

fand den Weg aus dem Labyrinth seiner selbst forcierten Qualen.

 

Und so begann es im Hier und Jetzt durch zwei Männer,

die gemeinsam von einem Dach stiegen

und meinten, dass System müsse lernen.

 

 * Ende *