Das Gegenteil von… (Teil I)

… etwas Bestimmten lässt sich nicht immer ganz so leicht bestimmen.

In diesem Artikel soll ebenfalls nur ein Gedanke zum Thema Dualismus geäußert werden, der durchaus mehr Fragen gegenüber unserer aktuellen Zeit aufwerfen kann. Neben einem kurzen Umriss dieses Begriffes und einigen anschaulichen Beispielen sollen einige humoristische Übertragungen (in einem zweiten Beitrag) mit der Frage beginnen: Was ist das Gegenteil von x?

Fangen wir an. Unter Dualismus versteht man die verschiedensten Formen von Ansätzen, die sich im Bereich der Philosophie, Religion, Gesellschaft und Kunst mit der Deutung der Welt beschäftigen und sich darüber einig sind, dass es mit zweifachen Grundelementen (unabhängig, entgegengesetzt, unvereinbar oder polar etc.) gelingt, in jedweder Form von Entitäten etwas erkenntnisrelevantes über die Welt aussagen zu können.

Ui. Verwenden wir vier Beispiele: Tag-Nacht, Mann-Frau, 0-1 und Theist-Atheist.

1) Der Dualismus Tag-Nacht ist uns allen bekannt und legt nahe, dass diese Gegenüberstellung immens schwammig ist. Wir befinden uns mit diesem Beispiel in einem kontinuierlichen Übergang zum jeweils anderen Aspekt und es lässt sich zunächst aufgrund von Auf- und Untergang der Sonne feststellen, wann recht exakt der Tag zur Nacht „dämmert“ und es die Nacht vorm Morgen „graut“. 🙂 Dieser Dualismus zeigt sich also als ein Wechsel zweier Aspekte, der im nächsten Beispiel nur in Sonderfällen vorkommt… 😉

2) Der Dualismus Mann-Frau ist bestenfalls biologisch halbwegs genau über das x- und y-Chromosom bestimmt, während hormonelle, Umwelt- und gesellschaftliche Faktoren weiterhin Einfluss ausüben. Eine „klar definierte“ gesellschaftliche Trennung von Mann und Frau halte ich im Übrigen für recht problematisch, da diese Einflüsse im Selbstverständnis und im sozialen Umgang auch irritierend sein können. Hier könnten Übergänge, wie beim Tag-Nacht-Dualismus akzeptiert, durchaus hilfreich sein. Die meisten klassischen Einordnungen in (gar noch normativ aufgeladenen) Schubladen halte ich (rein persönlich gesprochen) für beide Geschlechter für unvorteilhaft und teilweise diskriminierend.

3) In der Datenverarbeitung zwei klar von einander unterschiedene Zustände, die als Binärcode Informationen digital darstellen. Dieses Beispiel zeichnet sich durch seine (unmathematische) Übergangslosigkeit aus. Zwischen 0 und 1 befindet sich in einem binären System nichts – sonst wäre es keines. Hier spiegelt sich somit der scharfe Kontrast dieses Beispiels wider. Gelingt dies auch im nächsten?

4) Ein Theist begreift einen Gott als Schöpfer der Welt. Bewahrend wird von Gott in diese eingegriffen. Ein Atheist glaubt das nun gerade nicht, aber worin besteht in beiden Begriffen der signifikante Unterschied z.B. zu einem Raucher und einem Nichtraucher oder einem Fleischesser und Vegetarier?

Vielleicht ahnt Ihr, dass es mir auf das vierte Beispiel ganz besonders ankommt.

Was wissen wir von einem Nichtraucher? – Er raucht nicht.

Was wissen wir von einem Vegetarier? – Er isst kein Fleisch.

Was wissen wir von einem Atheisten? – Er lehnt einen Schöpfergott und sein Eingreifen ab.

Dies sind Negativdefinitionen unterschiedlicher Reichweiten. Die Dualismen die hier entstehen sind gänzlich unterschiedlicher Natur. Ein Umstand, der in den ersten drei Beispielen nach heutigen Verständnis so nicht durch Negation definiert wird. Wer würde noch sagen, Tag und Nacht negieren einander oder der Mann negiert die Frau. Negiert die 0 die 1? Die Negation von A ist Nicht-A. Ist die Negation von Frau Mann? Ist eine Nacht ein Nicht-Tag? Irgendwie spannend, finde ich.

Aber: Die Negation eines Rauchers ist ein „Nicht-„Raucher! Die positive Eigenschaft des Rauchens ist nicht vorhanden. Es lohnt sich nicht, dieser logischen Abwesenheit der Eigenschaft „Rauchen“ einen eigenen Namen zu geben. Bei „Blinden“ sieht dies schon anders aus. Beim Vegetarier auch. Beim Atheisten nicht!

Wenn wir wissen, dass jemand im Raum blind ist, stellen wir uns (möglicherweise schon aus Verlegenheit) vor, wie es wohl wäre, nicht mehr auf das eigene Augenlicht zurückgreifen zu können. Welch‘ ein Verlust! Welche Bedeutung haben die anderen Sinne? Wie sieht der Alltag dieses Mitmenschen aus? Wie kommt dieser Mensch zurecht? etc. Bei einem Vegetarier sinkt allein schon das Interesse, weil es wahrscheinlich eine freiwillige Entscheidung war. Soll doch jeder so leben, wie es ihm oder ihr beliebt. Wir wissen, um die anderen Sinne eines Blinden und die Notwendigkeit, dass auch Vegetarier essen müssen. Aber glaubt ein Atheist eigentlich, und wenn ja – woran? Schließlich gibt es gute Gründe, nicht zu rauchen. Gibt es diese auch, etwas nicht zu glauben?

Ein Raucher hat gute Gründe, nicht zu rauchen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Raucher adäquate Gegengründe aufbieten kann?

Ein Vegetarier hat gute Gründe, kein Fleisch zu essen. Wie hoch ist die Chance, dass ein Fleischesser ihn rational umstimmt?

Ein Atheist hat gute Gründe, an keinen Schöpfergott zu glauben. Wie kann ein Theist ihn „bekehren“?

Warum sollten diese drei Gruppen von Menschen zum Gegenteil konvertieren?

Weil diese Negationen, und davon gibt es sehr viel mehr, Individualentscheidungen sind und die sind für unsere Organisationsformen schwer steuerbar. Menschen, die lernen, selbst zu denken, kann man schwerer einreden, was sie denken sollen. Selbst durch Wiederholung ist keine Garantie gegeben, denn schließlich wird von kritischeren Menschen bereits die Wiederholung schon als Nötigung angesehen.

Geh‘ mir nicht auf den Nerv!

Etwas Anerkanntes abzulehnen, erfordert Individualentwicklung, denn es kostet in jedem Fall zunächst Energie. Um diese energetischen Mehraufwand betreiben zu können, bedarf es guter Gründe, deren Gültigkeit das Individuum für sich wahrgenommen und akzeptiert hat – auch gegen die Einheitsbilder der sozialen Umwelt. Hieraus ergeben sich weitere Motive:

Wir können die erfolgreiche Übernahme der Selbstverantwortung durchaus als ein Resultat einer Entwicklung durch Freiwilligkeit bezeichnen, die natürlich Freiheiten voraussetzt. Rückwärts gesprochen, wissen wir nicht was Freiwilligkeit ist, wenn wir die notwendigen Freiheiten nicht erfahren. Und Selbstverantwortung bleibt unerreichbar, wenn wir nicht wissen, welchen Wert Freiwilligkeit hat.

Nicht an einen Schöpfergott (und sein wohlmeinendes Eingreifen) glauben zu müssen, ist für mich die höchste Freiheit, die es geben kann. Denn alle Knechtschaft im Namen eines herrschaftlichen Glaubens ist für mich nichts anderes, als der Stillstand eines jeden individuellen Bewusstseins, der ansonsten zu einer Selbstverantwortung fähig wäre und diese auch aus Vernunftgründen, die kann ein entfaltetes Individuum nämlich selbst finden, fordern. Und würde eine Mehrheit in diesem Lande so denken, dann hätten wir zunächst gerade nicht die Motive der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit lichterloh für eine Pandemiebekämpfung geopfert und damit die Freiheiten, deren Abwesenheit die Frage nach Freiwilligkeit völlig überflüssig macht. Man hat uns nicht gefragt und man wird uns auch in Zukunft nicht mehr fragen, liebe Gläubige des Leitnarrativs.

Vielleicht kommt Ihr selbst darauf,

dass dieser Umstand auch Euch betrifft.

Und so meinen die Raucher, Fleischesser, Theisten und Impfbefürworter über eine Eigenschaft ein Urteil fällen zu dürfen, die sie nur durch ihre Negativität auszeichnet: Selbst ein kritisches Urteil fällen zu können.

Sie zeigen uns, sowohl größtenteils schweigend als auch laut fordernd, dass ihnen eine Eigenschaft fehlt. Für dieses Fehlen bedarf es keinen eigenen Begriff und es reicht eine einfache Negation: es sind eben unkritische Menschen. Eine neutrale Feststellung, die keiner Herabsetzung bedarf.

Um so mehr stellen sich Worte uns gegenüber immer dann ein, wo ihnen die Begriffe fehlen…

Dazu folgt – mit hoffentlich viel Humor unsererseits – ein zweiter Teil.

Euer Paul