Wir haben ein Problem – Teil I

Dies ist der „offiziell“ erste Beitrag in der dritten Sektion: Politische Anthropologie. Er baut auf Thesen auf und soll jeden Leser auffordern, die Thesen selbst zu überdenken. Sie erheben (zunächst) keinen wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch, sondern dienen in erster Linie zur Anschauung und Sensibilisierung. Zu was sensibilisiert werden soll, dies lässt sich in einer grundlegenden These ausdrücken:

Das Individuum ist in der Lage,

die Organisationsformen seiner Spezies zu verstehen.

Aufgrund der überaus komplexen organisatorischen Zwischenstufen, die kulturbedingt sogar variieren und mit der Zeit sich transformieren können, ist ein Zweifel durchaus berechtigt. Aber es gibt dann doch Muster, die kultur- und teilweise auch epochenübergreifend relationale Bedeutung haben, so dass wir uns die Frage stellen sollten, ob und inwieweit sich Prozesse der Kultur- und Zivilisationsentwicklung grundlegend voneinander unterscheiden, sprich Parallelen sich auffinden lassen.

Allein der Umstand das Familienstrukturen noch immer zur Weitergabe von Privilegien verwendet werden (und dies ab einem bestimmten Zivilisationsgrad nahezu weltweit), kann durchaus hellhörig werden und dahingehend Fragen aufkommen lassen, welche Strukturen kulturbedingt und welche anthropologisch (also dem Menschen an sich eigen) sind.

Warum sollten wir uns diesen ungemein weitreichenden und sehr abstrakten Fragen stellen? Weil im Dickicht der Organisationsformen (kurz O-Formen) niedere Ebenen allzu gern als absolut erklärt werden. So manch einer erklärt die Politik als die höchste O-Form, so manch anderer die Realökonomie. Ein dritter sieht in der Wissenschaft, in der Justiz oder in den Medien den Schlüssel zu allem. Nicht zu vergessen: die Hochfinanz. Dies sind allerdings nur Mosaiksteine mit verschiedenen Reichweiten. Hierzu gehört auch Geschichte im Allgemeinen und jede Form von Religiösität. Die Bildung von Gruppenidentitäten ist zweifelsohne eine immens spannende Thematik, unterscheidet die Kulturen speziell in diesem funktionalen Prozess allerdings nicht wirklich voneinander. Nur die kulturbedingten Arten bzw. Einfärbungen weisen Unterschiede auf, nicht aber ihre Funktionalität. Eine weitere These.

Nun kann man noch weitere allgemeine Beispiele anführen (dies werde ich auch in anderen Beiträgen tun), aber hier soll die Einleitung enden und mit einem praktischen Gedanken, der u.U. heute sehr relevant sein könnte, fortgesetzt werden.

Die Einstiegsfrage soll lauten:

Wer oder was reguliert eigentlich die Population unserer Spezies?

Dies ist keine Frage von Verschwörungstheoretikern, sondern eine natürliche Überlegung, über die sich der Mensch als einzige Spezies ganz allein Gedanken machen kann und muss. Sich u.a. aus der Nahrungskette rausgenommen zu haben, damit rühmt sich der Mensch doch bis heute und macht sich daraufhin die Welt untertan. Der Mensch, als Spitze der Evolution, auf diesem Planeten macht sich autonom gegenüber (einigen) Regularien der Natur. Nun, fehlt es dann aber nicht an Regulation? Oder regulieren wir uns notgedrungen selbst? Aber wie? Und lässt sich dieses Unterfangen moralisch aufrechterhalten, wenn in Friedenszeiten die Menschen andere nicht umbringen sollen. In anderen Zeiten aber doch? Schwierig, nicht?

Um die Dringlichkeit dieser Frage bewusster zu machen, möchte ich mit einem gedanklichen Konstrukt den Leser auffordern, über folgende vier Felder selbst nachzudenken. Diese sollen nur knapp hier erläutert werden. Die vier Felder lauten:

  1. Bevölkerung
  2. Ressourcen
  3. Technischer Fortschritt
  4. Organisation

(Nun, ich hege keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Diese vier Felder, ich nenne sie die „Vier Felder der Notwendigkeit“, erzeugen derart viel Spannung und Herausforderung, so dass sie zur Sensibilisierung völlig ausreichen.)

Zum ersten Punkt wurde sich bereits geäußert. Er ist nicht ohne Grund der Erste. Ohne Regulation unserer Spezies auf der Populationsebene würde die Erde aus allen Nähten platzen… müssen. Wir haben mittlerweile ja rausgefunden, dass unser Planet endlich ist und dieser Umstand betrifft notwendigerweise auch die überwiegende Mehrheit der vorhandenen Ressourcen. Ungebremster Bevölkerungswachstum und das Vorhandensein endlicher Ressourcen stellt zunächst ein logisches Problem dar, das jeder anerkennen kann – allzu kompliziert ist es ja nicht.

Über andere Aspekte, die die Menschheitsgeschichte prägen, wird an anderen Stellen zu sprechen sein. Doch hier gilt ein grundlegender Sachverhalt, der von der Reichweite und Notwendigkeit eine globale (besser speziesweite) Bedeutung hat und Organisation erfordert. Ansonsten würde durch fehlende Selbstregulation irgendwann die Regulation von der Natur zurückgefordert werden und ein Großteil unserer Spezies würde diese Forderung nicht überleben…

Aber da gibt es doch die Offenbarung des technischen Fortschritts, dem wir ja alle vertrauen sollen. Sie wird alle Probleme über kurz oder lang lösen. Ich habe übrigens den Eindruck der technische Fortschritt versucht gerade, in Bezug auf unsere Fragestellung, ihr Versprechen auf sehr plumpe Weise einzulösen. Dieser Aspekt wird ebenfalls an einer anderen Stelle aufgegriffen werden.

Zunächst: Dem technischen Fortschritt blind zu vertrauen, heißt fremden Menschen zu vertrauen, denn diese stehen hinter und instrumentalisieren u.U. diesen Fortschritt. Fremden Menschen blind zu vertrauen, die aus diesem Vertrauen Nutzen oder Gewinn ziehen können, ist keine sonderlich schlaue Haltung. Blauäugig oder naiv wären dann noch eher zivilisierte Umschreibungen.

Dabei steht jener technische Fortschritt zum einen für das Maß technischer Reichweiten und das daraus resultierende Maß an Verantwortung. Die Binsenweisheit, dass wir nur soweit planen sollten, wie wir die Konsequenzen überschauen, sollte angesichts der technologischen Möglichkeiten, speziell gegenüber der Zugriffsmöglichkeiten auf unsere Gene, zu denken geben.

Leider ist das gesellschaftliche Vertrauen in unserer aktuellen Phase größtenteils ein mediales Produkt. Wir wissen, ohne lange darüber nachdenken zu müssen, dass zunehmender technischer Fortschritt die Effizienz steigern kann, dann aber auch zusätzliche Bedingungen erfüllen muss, die wiederum eine noch breitere Palette an Ressourcen benötigt. Von dem jährlichen Anstieg des Verbrauchs der Ressourcen, der nicht allein auf den ersten Punkt „Bevölkerung“ zurückzuführen ist, einmal abgesehen (Stichwort: Verschwendung).

Der technische Fortschritt ist ein Damoklesschwert und abhängig davon, wie wir uns organisieren. Wir können uns organisieren und im Einklang unserer Umwelt adäquat existieren, die uns am Leben hält. Oder wir müssen uns regelmäßig töten und zerstören. Dies haben wir, bisher ohne Rücksicht auf unsere Umwelt nehmen zu müssen, auch getan. Ob wir nun Zwang und Massenvernichtung betreiben oder selbstregulierende und stabile Systeme erzeugen, in denen sich weltweit und traumafrei die Individuen entwickeln dürfen, hängt von den O-Formen ab, die wir verwenden. Ansonsten werden wir – mittlerweile global – mit modernsten Mitteln sehr alte Prozesse aufrechterhalten, die durch adäquatere Modelle ersetzt werden sollten – allein, um Zwang und Leid zu vermindern.

Beide letztgenannten Aspekte sensibilisieren gegenwärtig jeden zur Kritik fähigen Menschen.

Sollten wir diesbezüglich unsere Aufgaben nicht, den Herausforderungen entsprechend, angehen, dann ist nicht der Taschenrechner schuld, sondern „wir“ als Spezies.

Bitte selbst darüber nachdenken.

Euer Paul

p.s. Es kann nur um Organisation gehen. Dieser Punkt verbindet alle Kulturen. Im Zuge der „Globalisierung“ (wie immer man diesen Ausdruck verstehen mag), kommen Formen von Zentralismus zum Vorschein, die von uns allen genauer betrachtet und verstanden werden müssten.