Wer ist „wir“?

Mit diesem grundlegenden Beitrag möchte ich einer Frage begegnen, die früher oder später gestellt werden wird. Diese Frage verwende ich selbst gern, wenn ich einen Artikel oder ein Buch lese, in dem der Ausdruck „wir“, aus meiner Sicht etwas vorschnell, erscheint.

„Wir schaffen das!“

„Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen!“

„Wir sind das Volk!“

„Wir wollen Gerechtigkeit.“

Wer ist „wir“? Gehören „die“ Eliten auch dazu?

„Wir werden alle enteignet! „

Nein, die Enteigner werden das nicht. Versprochen.

„Wir müssen uns gegen die anderen wehren!“

Welche anderen? Womöglich Menschen, die kurz zuvor noch zu „uns“ gehörten?

Das Prinzip „teile und herrsche“, meine Freunde, betrifft zunächst stets ein „wir“, bis dann erfolgreich der „andere“ eingeführt wurde. Funktionierte bisher immer. Aktuell Geimpfte und Ungeimpfte. Herrlich effektiv und ungeheuer erschreckend zugleich.

Spaltung ist das Resultat. Und weil „wir“ größtenteils noch nicht einmal selbst darauf kommen…  sind es (schwupps) zwei „wir“. Mit instrumentalisierten „wir“-Begriffen kann man „uns“ alle spalten. Es ist ein integraler Bestandteil unserer Organisation. Ob dieser Teil noch zeitgemäß sein sollte (angewandt wird er ja fleißig; aktuell z.B. Söders „Gemeinschaftsbegriff“), darüber kann man durchaus sachlich diskutieren. Aber auch der Entfaltungsstand einer Bevölkerung dokumentiert ihre Anfälligkeit gegenüber derartiger Spaltungen. Die gesellschaftliche Resilienz war in Deutschland nie wirklich hoch.

Dabei sind Glauben und Zweifeln zwei identifikatorisch immens wichtige und hochgradig unterschiedliche Prozesse. Übergänge sind zwar möglich, aber nicht selbstverständlich. Wer würde schon etwas aufgeben, woran ein Charakter ein ganzes Leben lang geglaubt hat. Und wer mit dem Zweifeln einmal angefangen hat, hört nicht wirklich damit auf… ist ja schließlich eine Freiheit des Bewusstsein, nicht alles glauben zu müssen.

Tja, und nun?

„Wir“ kennen uns in 99,999% der Fälle gar nicht. Uns verbindet ein Motiv, eine Idee, vielleicht ein Ideal – doch meistens eigentlich eine Bedrohung. Der „Anlass“ bildet ein „wir“ – zunächst nicht wir selbst. Zu diesem zweiten Schritt bedarf es Unmengen an Wahrnehmung, Kommunikation, Identifikation, die den anfänglichen Anlass übersteigt, später Kooperation und schlussendlich steht dieses „Wir“ für eine bestimmte Form von Organisation. Ob nun religiös (z.B. das Christentum), politisch (z.B. die Demokratie), gesellschaftlich (z.B. ein Rechtsstaat) oder ökonomisch als Konsumenten bzw. Produzenten usw.

Das eigentliche „wir“ ist ein Produkt einer miteinander geteilten Organisationsleistung. Auf allen Organisationsebenen lässt sich dieses Phänomen erkennen. Ob nun auf Privilegien basierende Klassen, Religionen, Interessengruppen, Vereine, Familien, Freundschaften, Ehepartnern, Arbeitsverhältnissen, in allen Institutionen usw. Zu einem gewissen Grad ist die Aussage, das „wir“ bereits in ein „wir“ (z.B. in eine Klasse) hineingeboren werden durchaus zutreffend.

Was hätten sich ein „Philantrop“ (im pekunären Sinne) und ein Langzeitarbeitsloser zu erzählen? Worüber sprechen zwei „Erleuchtete“ – über Glühbirnen oder die Stromrechnung? Wer ist „wir“?

Ich verwende, aus einer anthropologischen Perspektive heraus, den „wir“-Begriff regulär speziesweit. Die Eliten gehören dazu, genau wie die noch übriggebliebenen Naturvölker. Dazu gehören spirituelle Menschen, aber auch Atheisten. Kapitalisten genauso wie Kommunisten oder Sozialisten usw. Neoliberale sind auch Menschen 😉 und „Philantropen“ schmücken sich selbst damit, des Menschen „Freund“ zu sein und dazu zu gehören – ist das nicht schön? Nur komisch, dass man das betonen muss. 😉

Ernsthaft: Lass Dir eine Identätsstruktur einfallen, die Dich abgrenzt und dennoch gehörst Du zu diesem anthropologischen „wir“. Ein Eremit auf einer einsamen Insel und auch alle transhumanistischen Bestrebungen können daran nichts ändern. Und wenn doch, dann gibt es das „wir als Menschen“ nicht mehr und unsere Existenz auf dieser Ebene endet. Was wir dann sein werden, weiß ich nicht. Ob wir dann überhaupt noch sind…

Im Hier und Jetzt lassen sich eine Vielzahl von Dingen richtig oder falsch machen. Das Eine vom Anderen zu unterscheiden, ist, und das nimmt uns niemand ab, eine Wahrnehmungs-, Reflexions-, Kommunikations- und schlussendlich eine Organisationsleistung von „uns“ allen – als Menschen.

Wie will man den Ausdruck „Demokratie“ denn ansonsten ernstnehmen können?

Bitte einmal selbst darüber nachdenken.

Euer Paul

p.s. War es nicht Groucho Marx, der meinte:

„Es würde mir nicht im Traum einfallen, einem Klub beizutreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen.“

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